Ein Überblick: Der Aufbruch um 1900 im Wuppertal

1. Die Schwebebahnstationen

Einweihung der Schwebestation Döppersberg in Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. am 24. Oktober 1900

Um 1900 wird im Wuppertal eine kühne Vision Wirklichkeit, eine Hochbahn über den Fluss – eine Schwebebahn – eine geniale Lösung für den Personenverkehr im engen Tal der Wupper. Die Wupperstädte Elberfeld und Barmen, die zu den bedeutenden Industrie-und Handelsstädten Deutschlands, ja Europas gehörten, überwinden ihre Rivalität; das aufblühende Vohwinkel nimmt die Überbauung seiner Hauptstraße in Kauf, um diese Investition in die Zukunft zu realisieren. Für die Hauptstation von Elberfeld, Döppersberg, wird ein Wettbewerb ausgeschrieben,

den der junge Berliner Architekt Bruno Möhring gewinnt. Mit seinem Namen ist heute auf Anhieb einer der schönsten Industriebauten des Jugendstils, die Maschinenhalle der Zeche Hohenzollern 2 in Dortmund verknüpft. Der Bahnhof Döppersbergeine Glas-Eisen-Konstruktion im floralen Jugendstil– wäre heute die Attraktion des Jugendstils in Wuppertal, wenn er nicht in den 1920er Jahren abgerissen worden wäre, um einem größeren und moderneren Bahnhof Platz zu machen.

Auch für die Stationen Rathausbrücke und Wertherbrücke werden repräsentative Jugendstilkonstruktionen – diesmal in Schwarz-Weißoptik und geometrischem Design des Wiener Einflusses – gewählt. Die Entwürfe [entstanden] in der Maschinenbau-AG, Nürnberg (= MAN), Zweigwerk Gustavsburg im August 1902 von der Hand des Architekten M. Härter, der dem Regierungsbaumeister W. Feldmann untergeordnet war.  Kleinere Varianten desselben Typs werden für weitere Stationen zwischen Elberfeld und Barmen gewählt. Auch an der Endstation und Wagenhalle Oberbarmen findet sich die Schwarz-Weiß-Optik.

Die übrigen Bahnhöfe werden in schlichter Industriebauweise realisiert. Die Station Rathausbrücke ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Ein Glück, dass bei der Generalüberholung der Schwebebahn bis zum Jahr 2015, die auch eine zeitgemäße Neugestaltung der meisten Bahnhöfe beinhaltete, durch großes ehrenamtliches Engagement zumindest drei historische Jugendstilbahnhöfe restauriert wurden. So präsentieren sich heute die Stationen Werther Brücke, Völklinger Straße und Landgericht im schönsten geometrischen Jugendstil.

Schwebebahnstation Werther Brücke, Rekonstruktion, Foto: Daniel Evers (WuppertalVideo) 2013

Zur selben Zeit wie der Bau der Schwebebahn vollziehen sich auch Planung und Realisierung von Rathaus und Stadthalle in Elberfeld und der Ruhmeshalle in Barmen. Wird für den Bau der Schwebebahn  noch einmal der alte Pioniergeist, jene auf die Zukunft ausgerichtete Innovationskraft mobilisiert, die schon zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region im 19. Jahrhundert geführt hatte, zieht die Bürgerschaft für ihre Selbstdarstellung weitgehend die historistische Formensprache des ausklingenden Jahrhunderts vor.

Elberfeld und Barmen, ersteres einschließlich des Vorortes Sonnborn 150 000, letzteres 137 000 Einwohner zählend, erhoben sich schnell seit der letzten Hälfte des XVIII.Jahrhunderts zu hoher Bedeutung; sie gehören jetzt zu den reichsten Fabrik-und Handelsplätzen Europas.

Karl Baedeker: Nordwest-Deutschland, Leipzig 1899

Um 1900 präsentiert sich die Architektur der Wupperstädte auf einem Höhepunkt, spiegelt den Glanz ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, glüht nach im Abendrot einer vergangenen Epoche. Immer noch herrscht einiger Wohlstand und  eine rege Bautätigkeit im privaten und öffentlichen Bereich. Innerhalb der aufgezeigten Bandbreite zwischen kühner Vision und Verharren in der Tradition vollzieht sich im Wuppertal ein moderater Aufbruch in die Moderne.  Innovationen wie in der Nachbarstadt Hagen bleiben aus, aber in der Sammlung und Förderung der neuen Kunst, der Förderung des Kunstgewerbes im Design neuer Möbel, in der Innenraumgestaltung wird der Aufbruch gewagt. mehr…

2. Der Aufbruch um 1900 in der Sammlung des Von der Heydt- Museums

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Goldfischglas, 1906 Öl auf Pappe 50,5 x 74cm, Von der Heydt – Museum Wuppertal

weitere Gemälde aus der Zeit um 1900 in der Sammlung Von der Heydt

Günter Aust, ehemaliger Museumsleiter des Von der Heydt-Museums, hat die Sammlungs-und Ausstellungsaktivitäten des Barmer Kunstvereins und des Elberfelder Museumsvereins dokumentiert und bescheinigt den damaligen Förderern eine große Aufgeschlossenheit: Ihr Engagement für die moderne Kunst bezeugt ein ungewöhnliches Maß an Liberalität und Offenheit für Neues.

Diese Grundhaltung der Mehrheit ließ den Sammlungsleitern Fries (Elberfeld) und Reiche(Barmen) den Spielraum, neben der traditionellen Kunst besonders die Avantgarde zu fördern und ihre Werke anzukaufen. So ist die Moderne  um 1900 auch schon durch die frühe Sammlungstätigkeit  hervorragend im Von der Heydt-Museum vertreten. www.von-der-heydt-museum.de

3. Der Gerechtigkeitsbrunnen von Bernhard Hoetger

Bernhard Hoetger, Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Platz der Republik, 1910

Zu den großen Förderern und Sammlern der Avantgarde um 1900 gehörte auch August von der Heydt. 1906 besuchte er den Herbstsalon in Paris  und war beeindruckt von den Aquarellen des ihm bislang unbekannten Hoetger. So suchte er ihn in seinem Pariser Atelier auf und erwarb mehrere Aquarelle und einen Mädchentorso aus Marmor, der kurz zuvor entstanden war. Dieser Torso hieß fortan, weil er in Elberfeld Aufstellung fand „Elberfelder Torso“…(Fehlemann). 1911 schenkte von der Heydt den Torso zusammen mit zwei weiteren Skulpturen dem Elberfelder Museum; die Werke sind 1943 verloren gegangen. August von der Heydt versuchte den Künstler nach Elberfeld zu locken. Er stellte ihm und seiner Frau am Mäuerchen 28, ein zum Familienbesitz gehörendes klassizistisches Haus am Wupperufer als Atelier zur Verfügung (Fehlemann). Hoetger erhielte den Auftrag, für die anstehende  300-Jahr-Feier der Stadt Elberfeld einen Gerechtigkeitsbrunnen anzufertigen- als Geschenk des Freiherrn an die Stadt. Im Krieg wurde die weibliche Bronzefigur eingeschmolzen. Inzwischen ist sie wiederhergestellt und schmückt den Park am Platz der Republik. Offenbar war es August von der Heydt, der den Großherzog von Hessen auf Bernhard Hoetger aufmerksam gemacht hatte: Am Mäuerchen soll auch der „Darmstädter Torso“ (1909) entstanden sein, den von der Heydt nach Darmstadt an den Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und Rhein verschenkte(Fehlemann).  1911 wird Hoetger vom Großherzog nach Darmstadt berufen. Für die vierte und letzte Jugendstilausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt im Jahre 1914 stattet Hoetger den Platanenhain mit Skulpturen und Reliefs aus.

4. Neue Wege im Design

Durch hervorragende Lehrer an den neuen Kunstgewerbeschulen in Elberfeld und Barmen wurde die Designtradition im Wuppertal

begründet  mit besonderen Leistungen in den Bereichen  Druckgrafik und Innenraumgestaltung.

Besonders hervorzuheben ist der Schweizer Architekt und Innenraumgestalter Alfred Altherr, der von 1904 bis 1912 an der Elberfelder Kunstgewerbeschule unterrichtete. 1909 veranstaltete er in einer vorübergehend unbewohnten Villa in der Königstraße eine Ausstellung  von insgesamt 16 Innenräumen, entworfen von seinen Studenten, ausgeführt von fast ausschließlich ortsansässigen Handwerksbetrieben. Die Ausstellung war gewissermaßen eine Leistungsschau des

Designniveaus der Kunstgewerbeschule und des heimischen Handwerks. Die Barmer Firma Ibach beschritt neue Wege im Piano-und Flügel-Design. Viele namhafte Künstler der Avantgarde wie H.P. Berlage, Peter Behrens, Patriz Huber, Hermann Muthesius, Bernhard Pankok, Bruno Paul, Emanuel von Seidl oder Heinrich Vogeler entwarfen Klaviere und Flügel für das Haus Ibach. Auch das Interieur der Villa Ibach  beeindruckt durch feinsten geometrischen Jugendstil.

Schmiedeeiserner Leuchter, 1913, angefertigt von der Elberfelder Firma Stock & Co (Stocko) für die Dorper Kirche in Solingen, Foto: Hans-Karl Müller, Solingen
Karl Kuebart, Villa Hans Ibach, Ankleidezimmer. Der Entwurf wurde von der Fa Bembé, Mainz ausgeführt

5. Beeindruckende Innenräume

Kunsthistorisch von besonderer Bedeutung sind die Innenraumentwürfe von Hans Eduard von Berlepsch-Valendas  und Carl Moritz.

Das Jugendstildekor in der historischen Stadthalle beeindruckt durch seine repräsentative Eleganz und kunsthandwerkliche Qualität.

i. Musikzimmer der Villa Max Esser, Goebenstraße 16

Villa Esser, Musikzimmer von Berlepsch-Valendas. Hist. Foto: Rhein. Bildarchiv

1897-1900  ließen sich Ria und Max Esser von der Architektengemeinschaft Haude und Metzendorf  im Briller Viertel eine Villa im Stil italienischer Renaissance errichten. Max Esser war zu diesem Zeitpunkt offenbar noch  äußerst wohlhabend, und so engagierte das Ehepaar für die Gestaltung des Musikzimmers den Jugendstilkünstler Hans Eduard von Berlepsch-Valendas aus München. Ria Esser hatte ihn in der Zeitschrift Kunst und Dekoration für sich entdeckt.  Berlepsch- Valendas gilt als Wegbereiter des Jugendstils in München und Zürich. Seine heute noch bekanntesten Werke sind sein eigenes Haus in Planegg bei München und die Inneneinrichtung der Villa Tobler in Zürich. Das Jugendstilinterieur der Villa Tobler gehört heute zu den Highlights unter den vielen Sehenswürdigkeiten in Zürich. Das florale Jugendstilzimmer der Familie Esser galt lange Zeit als verschollen. Tatsächlich sind die Möbel, der bewegliche Teil der Einrichtung nicht erhalten. Doch die fest mit dem Haus verbundenen Teile der Inneneinrichtung wie Türen, Fensterrahmungen, Zimmerdecken und Parkettböden sind noch vorhanden und vermitteln einen nachhaltigen Eindruck von der Pracht und Qualität des floral dynamischen Jugendstilinterieurs, des reinsten Jugendstils,  wie Ria Esser es formuliert hat. Die Holzarbeiten sind in einem guten Zustand und zeugen von der Wertarbeit der Handwerker, mit denen Berlepsch-Valendas zusammengearbeitet hat. Die auf dem historischen Foto noch vorhandenen Möbel wurden von der Kölner Firma Pallenberg nach Entwürfen von Berlepsch-Valendas angefertigt. Pallenberg hat z.B. den Kölner Gürzenich ausgestattet oder die Villa Bayer in der Friedrich-Ebert-Straße.  

ii. Die Innenraumgestaltung der Villa Theodor Hinsberg, Ottostraße 13

Haus Hinsberg Wintergarten, erbaut 1900/01, Foto: Bildarchiv Marburg

Leider kriegszerstört sind Haus und  Einrichtung des Hauses Hinsberg in der Ottostraße 13. 1900-1901 beauftragte der Bankdirektor und Mitgesellschafter des Barmer Bankvereins Theodor Hinsberg den renommierten Kölner Architekten Carl Moritz, den Innenraum seiner Stadtvilla in der Ottostraße zu modernisieren und um einen Wintergarten zu erweitern. Ein größeres Konvolut von historischen Fotos dokumentiert den herausragenden Entwurf der neuen Innenräume. Die Inneneinrichtung  der Villa Hinsberg von 1900/1901 markiert  einen Höhepunkt unter den großen Jugendstilinterieurs der Wiener und Glasgower Richtung. Der Wintergarten nimmt Josef Hoffmanns puristische Raumgestaltung für das Sanatorium Purkersdorf vorweg, wirkt repräsentativ und gleichzeitig originell  in der Kontrastierung von geometrischer Strenge und abstraktem, dynamischen Liniendekor. Max Creutz, von 1908-1922 Direktor des Kölner Kunstgewerbemuseums, hat in einer Monografie gerade auch die Innenraumgestaltung von Carl Moritz gewürdigt.

Carl Moritz hat wohl noch für weitere Mitglieder der Bankiersfamilie Hinsberg in Barmen gebaut, nachgewiesen ist ein zweiter Villenbau zwischen 1903 und 1908 für den Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Boelling in der Kohlenstraße 65 heutige Lönsstraße. In den folgenden Jahren sollte er außerdem noch das Barmer Stadttheater und den Erweiterungsbau für den Barmer Bankverein entwerfen.

iii. Historische Stadthalle: Foyer, Treppenhaus, Restaurant und Terrasse

Historische Stadthalle, Foto: www.stadthalle.de

Die Elberfelder Stadthalle wurde zwischen 1895 und 1900 – in etwa zeitgleich mit dem Elberfelder Rathaus am Neumarkt – erbaut. Während die entwerfenden Architekten für das Rathaus ausdrücklich in den Quellen genannt werden, nämlich Reinhardt& Süßenguth,  bleibt der Architekt der Stadthalle unerwähnt. Und das, obgleich die Stadt Elberfeld für ihr zweites Prestigeobjekt besonders hohe Maßstäbe an die Architektur anlegte. Es wurde ein reichsweiter Wettbewerb ausgeschrieben und eine hochkarätige Jury bestellt, der u.a. Paul Wallot, der Architekt des Berliner Reichstags, angehörte. Sechs Preise wurden vergeben, zwei weitere Entwürfe angekauft, aber keiner wurde realisiert.

Die Auswertung der Protokolle der Elberfelder Baukommission lassen den Schluß zu, dass der Wettbewerb und die Entwürfe dazu gedient hatten, Ideen zu sammeln, die nun von einer Subkommission mit zwei hohen städtischen Baubeamten, zwei heimischen Architekten und einem Bauunternehmer – alle drei Mitglieder des Stadtrates – ausgeführt wurden. Einer der beiden Architekten war Heinrich Plange. Nur ihm mit seiner hochklassigen Ausbildung an der Königlichen Bauakademie in Berlin und seinen bereits realisierten Bauten, darunter sein frühes  Meisterwerk, das Schloß Karl von der Heydt in Bad Godesberg, ist die Konzeption für ein so groß dimensioniertes und ambitioniertes Bauwerk zuzutrauen.

Foyer, Foto Joachim Clüsserath, 2020
Bankettsaal, Foto Joachim Clüsserath, 2020
Treppenhaus, Foto Joachim Clüsserath, 2020

Die historische Stadthalle spiegelt das Selbstverständnis und den Stolz der Bürgerschaft auf ihren Erfolg und den gesellschaftlichen Aufstieg in einer feudalen Gesellschaft. Dafür wählt sie die prachtvollen, repräsentativen Formen des Historismus mit Zitaten der italienischen Renaissance, des Klassizismus und des Barock, übernimmt gewissermaßen die Architektur des Adels.

Auch im Inneren überwiegt die historistische Ausstattung. Doch für die Deckenmalerei des Foyers, des Restaurants und des Treppenhauses läßt die Bürgerschaft die neuen Formen des Jugendstils zu. Die Malerei wird von der Elberfelder Firma Salomon ausgeführt. Ob sie auch für die figürliche Jugendstilmalerei im Treppenhaus zuständig war, ist unklar. In den Quellen taucht ebenfalls der Name Wipperling auf.

Ein Glück, dass es sich hier um ein öffentliches Gebäude handelt. So sind die Jugendstilmalereien im Foyer und im Treppenhaus während der vielen öffentlichen Veranstaltungen frei zugänglich.

Der Besuch des Restaurants ist allerdings Gästen vorbehalten. Tischreservierungen sind notwendig.

www.stadthalle.de

iv. Weitere Innenräume

Ibach- Musikzimmer auf der Weltausstellung in St. Louis ,1904, Entwurf: Hermann Billing, Karlsruhe