Jugendstilarchitektur

Antoni Gaudi, Casa Milà, 1906-1910, Barcelona wiki cc Thomas Ledl 2018

Die Jugendstilarchitektur

Eingang zur Secession, Wien, 1897/98Text: Eingang zur Wiener Secession, 1897/98, Foto: wiki cc Griffindor 2006

Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit – so lautet die Inschrift über dem Portal des Sezessionsgebäudes in Wien, und so läßt sich auch in wenigen Worten die Programmatik der internationalen künstlerischen Aufbruchbewegung um 1900 zusammenfassen: die Suche nach einer neuen zeitgemäßen Ausdrucksform, nach einer Kunst, die frei sein wollte von den Fesseln der Vergangenheit, einer Kunst die die gesellschaftliche Gegenwart gestalten, Visionen verwirklichen wollte. Und die Kunst war auch und vor allem die Architektur, die Mutter aller Künste, die die freien und angewandten Künste vereinigen konnte.

Seit dem Rokoko hatte es keinen neuen Stil mehr gegeben. Stattdessen wiederholten sich die Spielarten von Renaissance, Klassizismus und Barock oder eine Mischung der traditionellen Stile am selben Gebäude. (Historismus/ Eklektizismus) In ihrer Suche nach einem modernen, zeitgemäßen Stil, schöpft die künstlerische Avantgarde aus den unterschiedlichsten Inspirationsquellen. (s. Menüpunkt Jugendstil )  So vielfältig wie die Inspirationsquellen, so vielfältig, unterschiedlich, ja gegensätzlich ist das Erscheinungsbild der neuen Architektur. Der größte gemeinsame Nenner ist der Bruch mit dem Historismus. Drei Grundströmungen werden wie folgt unterschieden:

Gorgonen, Eingangsdetail der Wiener Sezession, Foto: wiki cc Thomas Ledl. 2008

Der geometrisch-funktionale Jugendstil

Der geometrisch-funktionale Jugendstil deckt vor allem die Innovationen von Wien, Glasgow und Nordamerika ab. Er ist der Wegbereiter der funktionalen Architektur (Internationaler Stil),

die weitgehend auf das Ornament verzichtet und das 20. Jahrhundert dominieren sollte. Er erlebt seine ersten Höhepunkte im Neuen Bauen der 1920er Jahre, in der niederländischen De Stijl Bewegung und  im deutschen Bauhaus.

Das Wiederaufleben des geometrischen Jugendstils in den 1920er Jahren

Der florale Jugendstil

Der floral-dynamische Jugendstil reicht von der elegant-funktionalen Architektur Victor Hortas mit zurückhaltendem Liniendekor bis zur kühn-originellen Architektur von Endells  Atelier Elvira oder den extravaganten Fassadengestaltungen  Hector Guimards oder Giuseppe Bregas; von einer

flächenhaften Architekturauffassung des Postsparkassenamts oder des Majolikahauses in Wien bis zur plastischen Architektur – naturhaft organisch wie bei van de Veldes Werkbundtheater oder phantastisch bizarr wie bei Antonio Gaudi. Auch der Bauimpuls des Anthroposophen Rudolf Steiner ist hier anzusiedeln.

Die „andere Seite der Moderne“ in der Architektur des 20. Jahrhunderts

Diese Richtung ist Inspirationsquelle für die andere Seite der Moderne  (Breuer) , für expressionistische und organische Architektur und visionäre Glasarchitektur, die ebenfalls in den 1920 er Jahren einen ersten

Höhepunkt erreichte (Taut, Mendelsohn, Pölzig) und die architektonische Landschaft des 20. Jahrhunderts abseits des Mainstreams bereicherte.  (Scharoun/Hollein/Gehry /Foster).

Obgleich sich die Protagonisten des Jugendstils bewusst vom Historismus absetzten, so nutzten sie auch die traditionellen Stile –zeitgemäß abgewandelt – in ihrem neuen Formenrepertoire z.B. das Oval oder das Girlandenmotiv aus dem Rokoko.

Die Arts-and-Crafts-Bewegung hatte ihre Gestaltungskriterien für die Erneuerung von Architektur und Kunstgewerbe wie Funktionalität, Materialgerechtigkeit („Ehrlichkeit“ bei Ruskin), Einfachheit und  Klarheit aus der Gotik abgeleitet und aus der Rückbesinnung auf lokale Bautraditionen, ihre  Baumethoden, Baumaterialien, ihre Rücksichtnahme auf Topografie, Klima und Atmosphäre des Bauplatzes.

Der neue englische Landhausstil  und die Wiederentdeckung regionaler Bautraditionen übten gerade auf die deutsche Architektur einen großen Einfluss aus u.a. durch die Vermittlung von Hermann Muthesius, seine Publikationen, seine Mitgliedschaft im deutschen Werkbund und seine Architektur, aber auch durch den Belgier Henry van der Velde. Der Villenbau um 1900 orientierte sich stark an der neuen  englische Landausarchitektur oder integrierte sie in die vorhandene malerische Bautradition; die Rückbesinnung auf regionale Bautraditionen führte zu einer großen Renaissance des Heimatstils wie z. B. der hessischen oder bergischen Fachwerktradition, setzte sich zeitweise über den Villenbau hinaus in allen Bauaufgaben durch. 

Bauaufgaben der Jugendstilarchitektur

Symbol für die angestrebte Verbindung von Kunst und Leben war das Gesamtkunstwerk. Die spektakulärsten, sogar gattungsübergreifenden Gesamtkunstwerke inszenierten die Jugendstilkünstler 1901 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt und 1902 im Sezessionsgebäude in Wien. Eine  ideale Bauaufgabe für die Realisierung eines Gesamtkunstwerks war der Villenbau für potente Auftraggeber: vom Baukörper über den Innenraum mit

allen Details, vom Besteck in den Schränken bis zur Gartenanlage wurde alles in den neuen Formen gestaltet. Es entstanden beeindruckende Villen mit hochwertiger Innenraumgestaltungen, entworfen von führenden Architekten, ausgeführt von meisterhaften Handwerkern. Ein herausragendes Beispiel ist das Palais Stoclet in Brüssel, dessen Innenausstattung von den Wiener Werkstätten übernommen und für das Jugendstilgrößen wie Josef Hoffmann, Gustav Klimt oder Franz Metzner gemeinsam arbeiteten.

Joseph Hoffmann, Palais Stoclet, Brüssel, 1905/11, Foto: wiki cc PtrQs 2012
Gustav Klimt, Stoclet – Fries, ausgeführt von den Wiener Werkstätten, Foto: wiki 2015

Ein weiteres berühmtes Gesamtkunstwerk ist das Haus eines Kunstfreundes, das zunächst nur als Entwurf vorlag:

Grundsätzlich richtete sich der Gestaltungswille der Avantgarde aber auf die gesamte Architektur aus: die Arbeiterpartei Belgiens und die Kommunen vergaben öffentliche Aufträge an progressive Archtekten. So erhielt Horta z.B. den Auftrag für das  berühmte Maison du Peuple in Brüssel, in Paris wurden Metrostationen, in Wien Stadtbahnstationen und im Wuppertal Schwebebahnstationen im neuen Stil

gestaltet. Auf Ausstellungen in Darmstadt wurden Musterhäuser für den Siedlungsbau und Prototypen für Arbeiterhäuser vorgestellt. Gartenstädte (Hellerau) wurden realisiert und im größeren Stil wurden Arbeiter-und Beamtensiedlungen u.a. von Heinrich Metzendorf in Dortmund, Georg Metzendorf auf der Margarethenhöhe in Essen oder Richard Riemerschmid in Hagen gebaut.

Tendenziell hatte der Jugendstil ein positives Verhältnis zu den technischen und konstruktiven Neuerungen im Bausektor wie dem vielfältig formbaren Stahlbeton oder den neuartigen Stahl-und Eisenskelettkonstruktionen, die kühnere Konstruktionen erlaubten, auch in ihren Verbindungen mit Glas. 

Was zuvor Gewächshäusern, Ausstellungspavillons oder Markthallen vorbehalten war, wurde nun auch vielfach als belebendes Element in der allgemeinen Architektur genutzt. Leicht formbare Materialien wie Beton, Keramik, Gusseisen erleichterten den Künstlern, die Umsetzung ihrer Ideen. Buntglasfenster, Glasüberdachungen und Gitterwerk  in den neuen Formen ergaben eine eindrucksvolle malerische Wirkung.

Hochburgen der Jugendstilarchitektur in Deutschland

Um 1900 gab es in beiden deutschen Kulturmetropolen eine avantgardistische Kunstszene. Die Sezession  – Abspaltung der Avantgarde von der traditionellen Akademie –  in München erfolgte bereits 1892, in Berlin 1897. Die Hochburgen der Jugendstilarchitektur in Deutschland entwickelten sich  aber in der Provinz. In Darmstadt war es der hessische Landesfürst Ernst Ludwig, der 1901 eine  Künstlerkolonie unter der Leitung des Wiener Architekten Joseph Maria Olbrich auf der Mathildenhöhe (Darmstädter Impuls) protegierte, auch um die hessische Wirtschaft anzukurbeln. Insgesamt gab es in den folgenden Jahren vier Ausstellungen auf der Mathildenhöhe.

In Hagen war es der bürgerliche Mäzen Karl Ernst Osthaus, der u.a. van der Velde aus Belgien, Lauweriks aus den Niederlanden, Richard Riemerschmid , Bruno Taut und Peter Behrens aus Deutschland zu Bauaufgaben nach Hagen holte. (Hagener Impuls). Seine größte Vision, den Bau einer Folkwangschule mit ganzheitlichem Ansatz und der Unterrichtung aller Künste konnte er allerdings nicht mehr realisieren. Nach Osthaus` Tod verkaufte die Stadt Hagen die Namensrechte an Essen. Das Folkwang Museum und die Folkwang Hochschule in Essen genießen heute internationales Ansehen. Das Folkwang Ballett und die Folkwang Hochschule waren auch wichtige Stationen im Werdegang der Wuppertaler Tanzikone Pina Bausch.